Seit Januar blickten wir von der kleinen Insel aus ungläubig auf die Ausbreitung des Virus in der Welt.
Ende Februar machte sich Nervosität breit, als die ersten Krankheitsfälle in Italien auftraten – herrscht doch zwischen Malta und Italien seit jeher ein reger Verkehr an Touristen, Studenten und Geschäftsreisenden.
Am 06.03.2020 wurde dann der erste positive COVID-19-Fall auf Malta bekannt. Die Politik diskutierte über einen Lockdown. Schlagartig waren die Straßen leer. Am 11.03. war ich das letzte Mal im Büro. Auf meinem Fußweg nachhause waren alle sonst so lebhaften Kneipen und Geschäfte entweder leer oder geschlossen.
Um diese Zeit wurden auch nach und nach alle kommenden Veranstaltungen abgesagt. Zögerlich erst die zum Saint Patrick’s Day, dann bestimmter auch alle anderen. Identity Malta (das maltesische Bürgeramt) machte zu. Apotheken führten Mindestabstände zwischen Kunden ein. Kirchen und erste Schulen machten zu.
Am 12.03. wurden dann offiziell Fall 8 und 9 bestätigt. Reiseverbindungen von und nach Malta wurden eingestellt. Die Supermärkte wurden teilweise leergekauft. Eine innere Unruhe machte sich breit. Reisende, die aus dem Ausland kamen, mussten 14 Tage in Quarantäne.
Während Marktplätze schließen und Museen schließen, ist die Regierung noch unentschlossen, dem Drängen der Ärzte nachzukommen und einen „Lockdown“ zu verhängen (https://timesofmalta.com/articles/view/abela-lockdown-suffering-will-be-much-bigger-than-harm-caused-by.778079).
16.03.-22.03.: erste Coronavirus-Übertragungen in Malta. Es wird beschlossen, öffentliche Orte wie Kinos, Kneipen und Restaurants zu schließen. Ab 18.03. werden auch alle Lotterie-Annahmestellen geschlossen (was angeblich vorher nicht einmal der Zweite Weltkrieg geschafft habe, wie die Times of Malta schreibt: https://timesofmalta.com/articles/view/coranavirus-does-what-the-war-didnt-lotto-is-suspended.778973).
Wirtschaftsminister Silvio Schembri packt (wie das hier so üblich ist) die Populismuskeule aus und sagt, dass Ausländer, die ihren Job verlören, am besten zurück in ihre Länder gehen sollten. (https://timesofmalta.com/articles/view/governments-priority-is-to-safeguard-jobs-of-maltese-nationals.778874). Lustig: gerade vor ein paar Jahren hatten sie noch massenhaft (billige) Arbeitskräfte reingeholt, weil für gewisse Jobs in der hiesigen Bevölkerung offenbar die Ausbildung oder der Wille fehlt. 😉
Öffentliche Plätze sind inzwischen gähnend leer. Menschenansammlungen über 3 Personen werden verboten. Die Menschen bleiben aber sowieso meist freiwillig zuhause (https://timesofmalta.com/articles/view/watch-coronavirus-empties-maltas-busiest-places.779279). Währenddessen kommen jeden Tag etwa 10 bestätigte Neuinfektionen hinzu.
Ab 22.03. müssen per Regierungsbeschluss alle Geschäfte zubleiben außer Lebensmittelgeschäften, Apotheken usw. (Lieferdienste dürfen aber angeboten werden).
Und jetzt? Heute ist der 26.04.2020. Meine Frau und ich sitzen seit gut 6 Wochen in häuslicher Isolation. Wir sind weit unter 65 und dürften daher theoretisch raus, lassen es aber bleiben. Es ist schon surreal: Homeoffice, Einkäufe nur noch per Lieferung, ab und zu abends ein Spaziergang in kaum frequentierte Gegenden – und jede Menge Netflix.
Seit 6 Wochen keine Bandprobe und keine Irish Session mehr. Unsere Sessiongruppe trifft sich zwar weiterhin online auf Zoom zu virtuellen Sessions. Aber es ist nicht das Gleiche. Und ich bleibe mehr und mehr fern.
Und das Merkwürdige ist: Ich vermisse es überhaupt nicht.
Inzwischen hat sich die Infektionslage in Malta verlangsamt. Seit 22.04. gab es täglich nur noch 1-2 Fälle. Gesamtzahl bisher: 448 gemeldete Infektionen, davon 162 aktive Fälle, 282 genesene Patienten, 4 Tote. Bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 450.000 kann das optimistisch stimmen.
Und doch könnte ich noch monatelang weiter zuhause sitzen… Vielleicht bin ich ja asozial.