Es ist wirklich traurig — alle benutzen den Begriff Wort, aber keiner kann wirklich sagen, was eigentlich genau ein Wort ist. Selbst das von von Dixon und Aikhenvald herausgegebene Buch „Word : a cross-linguistic typology.“ kam erst 2003 daher…
Das Buch werde ich aber hier nicht im einzelnen durchkauen. Für dieses Blog reicht auch eine kurze Darstellung, für die ich mich auf Maas 2007/08 beziehe.
1. Analyseebenen
Insgesamt gibt es drei Ebenen, auf denen Wörter analysierbar sind:
- Lexikon (konzeptionelle Strukturen)
- Grammatik (Äußerungsstrukturen)
- Medium (Lautstruktur/Schriftstruktur)
Es handelt sich also einerseits um verschiedene Ebenen der Analyse. Andererseits können sich diese Ebenen aber (von Sprache zu Sprache) aufeinander beziehen, miteinander verknüpft sein.
1.1. Das lexikalische Wort
Man stelle sich vor, das Wissen, das man über die Welt hat, wäre in einer virtuellen Datenbank gespeichert. Diese konzeptuellen Wissenstrukturen werden nun im Lexikon „symbolisch verdichtet“ (Maas 2007/08), d.h. auf Symbole abgebildet. Diese Zuordnung von Wissensstrukturen zu einem Symbol ist dann ein lexikalisches Wort. Beispiel: Die Wissenstruktur „Bruder meiner Mutter“ wird im Deutschen auf das Symbol „ONKEL“ abgebildet. Die Wissenstruktur „Bruder meines Vaters“ ebenfalls.
Im Pitjantjatjara, einer West Desert Sprache Australiens, werden die beiden Wissenstrukturen verschiedenen lexikalischen Wörtern zugeordnet. (Beispiele liefere ich noch nach 😉 ). Das zeigt, daß diese Zuordnung von Wissenstrukturen zu Symbolen sprachspezifisch ist. Was dann Probleme beim Übersetzen macht, denn die oben gezeigten Beispiele aus dem Pitjantjatjara ließen sich im Deutschen nur erklären, nicht aber in ein Wort übersetzen.
Der langen Rede kurzer Sinn: Auf der Ebene des Lexikons geht es um konzeptuelle Strukturen. Und das Wort auf dieser lexikalischen Ebene ist lexikalische Wort.
1.2. Das grammatische Wort
Auf der grammatischen Ebene kann man bei der Analyse von Sprache — ähnlich wie bei einem Satellitenbild, in das man nach und nach „hineinzoomt“ — unterschiedlich fein detaillierte Analysestufen wählen. Von oben nach unten wären das:
Äußerung > Satz (> Konstituenten) > Wort > Morphem > Phonem
Eine längere Äußerung kann also mehrere Sätze umfassen.
Ein Satz wie
Morgen werde ich spazieren gehen.
besteht aus der Proposition (ich gehe spazieren) und der Situierung (Futur + Indikativ). Außerdem hat der Satz eine interne syntaktische Struktur, in die die grammatischen Wörter hineinpassen (stark vereinfacht ausgedrückt!), so wie Federn in Nuten passen (beim Zusammenfügen von Panelenbrettern).
Morpheme sind die kleinsten bedeutungtragenden Einheiten. Das deutsche Wort Hunde besteht aus zwei Morphemen: Hund und die Pluralendung e.
Phoneme könnte man laienhaft als Laute bezeichnen. Aber sie sind mehr als das! Phoneme sind die kleinsten bedeutungunterscheidenden Einheiten. D.h. durch Bildung von Reihen wie Hund, bunt, rund … kann man diese kleinsten Einheiten in einer Sprache als Phoneme identifizieren.
(Der Unterschied zu bloßen Lauten ist: Rein physisch lassen sich alle möglichen Laute produzieren, aber nur ein Ausschnitt aus der Menge aller produzierbaren Laute wird in einer Sprache auch tatsächlich genutzt.)
In der oben dargestellten Hierarchie von der Äußerung bis zum Phonem sieht man, daß das Wort (in Sprachen, die Wörter haben) einen Zwischenschritt zwischen Satz und Morphem darstellt. Es ist die Beziehung zwischen Morphem(en) und Satz in einer Sprache, die eine Analysestufe „Wort“ zulassen oder nicht. Wenn in einer Sprache Morpheme zu größeren Einheiten zusammentreten, die sich im Satz umstellen, verschieben oder ersetzen lassen, dann kann man von Wörtern sprechen. In Sprachen, wo die Verkettung von Morphemen gleich einen Satz entstehen läßt (wie z.B. Eskimo) gibt es diese Wortebene nicht.
(Daher ist es auch irreführend, wenn behauptet wird, im Eskimo gäbe es soundsoviele Wörter für Schnee. Diese Bezeichnungen für Schnee sind Morphemketten, die bereits einen Satz oder mindestens eine Proposition bilden. Ins Deutsche übersetzt hießen diese „Wörter“: „darauf fährt man Schlitten“, „damit baut man Iglos“ usw.)
Ich erspare den Lesern an dieser Stelle die genauen Unterscheidungen von Lexemen, syntaktischen Wörtern usw. (steht alles genau in Maas 2007/08) und gehe an dieser Stelle zum phonologischen Wort weiter.
1.3 Das phonologische Wort
Phonologische Wörter sind die kleinsten selbständigen Einheiten in einer Äußerung. Dabei gibt es verschiedene Bedingungen, nach denen solche Einheiten selbständig sein können. Und auch hier hängt von der jeweiligen Sprache ab, welche Bedingungen es für prosodische Wörter gibt. Grundsätzlich gibt es:
1.3.1 prosodische Markierungen
Beispiel für prosodische Markierungen zur Ausgliederung phonologischer Wörter ist im Deutschen der Wortakzent, der in trochäische Füße gegliedert ist:
Kinder [‚kɪn.dɐ]
Wagen [‚vɑ:.ɡən]
Ein Fuß setzt sich zusammen aus einer prominenten (= betonten) und einer unbetonten Silbe.
Bei Wortkomposita werden die Füße anderen Füßen untergeordnet, und wir haben Haupt- und Nebenakzent:
Kinderwagen [‚kɪn.dɐ.ˌvɑ:.ɡən]
1.3.2 prosodische Minimalbedingungen
Solche Minimalbedingungen können in verschiedenen Sprachen unterschiedlich festgelegt sein. Im australischen Pitjantjatjara muß ein phonologisches Wort mindestens zwei Silben haben. Wo das nicht der Fall ist, wird eine Füllsilbe an die Wortform angefügt. Für das Deutsche hängt die Minimalbedingung an den prosodischen Markierungen: Jedes phonologische Wort muß mindestens eine prominente Silbe haben.
1.3.3 Grenzsignale (z.B. Auslautverhärtung)
Prosodisches Grenzsignal im Deutschen ist z.B. die Auslautverhärtung. D.h., stimmhafte Konsonanten werden im Auslaut stimmlos. Beispiele dafür sind Hund [hʊntʰ] (aber: Hunde [ˈhʊn.də]), Kind [kɪntʰ] (aber: Kinder [ˈkɪn.dɐ]), Gras [ɡʁɑs] (aber: Gräser [ˈɡʁe:.zɐ]). So könnte man sagen, daß überall da, wo Auslautverhärtung auftritt, eine phonologische Wortgrenze ist, da die Konsonanten sonst stimmhaft bleiben:
lieb [li:p] vs. liebe [ˈli:.bə]
Wortintern werden im Deutschen Syllabierungen bevorzugt, bei denen zwei Konsonanten einen harmonischen Anfangsrand bilden: Adler [ˈʔɑ:.dlɐ] (nicht *[ˈʔɑ:tʰ.lɐ]), Verzaubrung [fɐ.ˈtsaʊ.bʁʊŋ] (nicht *[fɐ.ˈtsaʊp.ʁʊŋ]).
Wo also dieser Default-Filter nicht gilt, kann man eine phonologische Wortgrenze annehmen: So gesehen wäre z.B. das Suffix -lich ein phonologisches Wort: |li:b + lɪç| [ˈli:p.lɪç] ➝ [[ˈli:p] [lɪç]]
1.3.4 segmentale Filter (Assimilationen, Vokalharmonie)
In anderen Sprachen können andere phonologische Filter wortintern als Indikator für den „Zusammenhalt“ phonologischer Segmente zu einem phonologischen Wort sein: im Türkischen ist das die Vokalharmonie. D.h., in einem phonologischen Wort können nur Vokale derselben Vokalklasse (z.B. vordere vs. hintere Vokale) auftreten. Einfachstes Beispiel dafür ist das Pluralsuffix, das (abhängig von den Vokalen des Nomens) mal als -lar, mal als -ler gebildet wird:
ev „Haus“, evler „Häuser“ vs. kitap „Buch“, kitaplar „Bücher“
1.3.5. Klitika
Klitika stellen ein Problem dar… Sie sind Einheiten, die zwar grammatische Wörter, aber keine phonologischen Wörter sind. Sie müssen sich daher an ein anderes phonologisches Wort anhängen. Ein Beispiel aus dem Deutschen wäre:
a) Er hat es gesehen.
a) Er hat’s gesehen
Im zweiten Fall ist es kein eigenens phonologisches Wort mehr und hängt sich an den „Wirt“ hat an.
Handelt es sich im Deutschen aber um Klitisierungen von Wörtern, die auch als unklitisierte Formen vorkommen, so können in anderen Sprachen (wie auch dem Maltesischen) solche Klitika bereits im Lexikon als solche angelegt sein.
1.4. Das orthographische Wort
Das orthographische Wort ist die graphische Ausgrenzung durch Spatien (umgangssprachlich auch „Leerzeichen“ genannt). Die Kriterien, wo so ein Spatium gesetzt wird, hängen dabei von der Struktur der jeweiligen Sprache ab. So kann das orthographische Wort auf dem phonologischen oder dem grammatischen Wort basieren. Für das Deutsche ist das meist das grammatische Wort. Daher entscheidet sich, ob ich etwas als ein Wort schreibe, nach der morphologischen Bildung (Jacobs 2005). Nach Maas (2003) kann man von der Syntax her bestimmen, was ein Wort ist. Beiden Ansätzen gemeinsam ist die Fundierung des orthographischen Wortes auf der grammatischen Wortebene.
Beispiele für das Deutsche folgen im nächsten Beitrag: „Wortschreibungen im Deutschen“
Ein Gedanke zu „Was ist ein Wort?“
Die Kommentare sind geschlossen.