Sonntag, 13.04.08

Bevor noch Gerüchte aufkommen, der letzte Regen habe mich ins Meer gespült, gibt es von mir ein Lebenszeichen mit einem Schnelldurchgang der letzten 14 Tage.

1.4.-6.4.

Schreibtisch, Schreibtisch, Schreibtisch. Schließlich bin ich hier nicht auf Urlaub, wie so viele immer glauben. Vielleicht hätte ich statt Maltesisch doch Tschetschenisch machen sollen, damit keine Mißverständnisse aufkommen.

Zwischendurch mal nach Valetta gefahren und durch die Parks auf den Festungsanlagen geschlendert. Das Wetter ist aber ziemlich wechselhaft. Scheint die Sonne doch, weht trotzdem noch ein kalter Wind. Pullover ist also Pflicht.

Irgendwann zwischen dem Pauken und Programmieren der Vokabeln das Twen-Dasein beendet. Na endlich. Thomas besteht darauf, mir einen Kuchen zu backen. Er wird leider ungenießbar. Veronica, die erwachsene Tochter der Paces, kommt vorbei, sieht das Desaster und fabriziert ein spontanes Tiramisu. Grazzi ħafna!

Mein Auge schenkt mir zum Geburtstag das ultimative Weizenkorn, das ich mir immer schon soooo gewünscht habe. Die antibiotische Augensalbe hilft zwar, aber mit einem Auge schreibt es sich gleich etwas langsamer. Iż-żobb!

Fange wieder mit dem Kaufen und Lesen maltesischer Zeitungen an, um die Vokabeln besser zu trainieren. Es ist trotzdem immer noch alles andere als leicht.

7.4.-11.4.

Auge wird besser, das Wetter auch. Montag und Dienstag werden die Tage wieder bis zu 29 Grad warm. Ich besuche Ray Fabri an der Uni und bekomme wieder ein Stück Schreibtisch, an dem ich tippen darf. Mir gegenüber arbeitet eine Studentin aus Bremen, die bei Thomas Stolz Maltesisch macht und dieses Semester an der Uni Malta ein Praktikum absolviert.

In dieser Woche wird auch endlich meine Übersetzung ganz fertig und geht gedruckt und gebunden an die Linguistik der Uni Malta, wo sich alle sehr darüber freuen.

12.4.

Ray hat mich auf eine Konferenz aufmerksam gemacht, die an diesem Samstag im Coastline Hotel in Qawra stattfindet. Ausgerichtet wird sie vom Nationalen Rat für die maltesische Sprache. Thema ist, wie man in Zukunft Lehnwörter aus dem Englischen schreiben sollte. Sollte man die englischen Wörter nach der englischen Orthorgaphie schreiben oder doch lieber phonologisch? Ein Problem, das es ziemlich in sich hat.

Denn das Maltesische benutzt im Alltag eine viel größere Anzahl von englischen Lehnwörtern als das Deutsche (nicht zuletzt, weil die Gesellschaft auf Malta eine zweisprachige ist). Im Deutschen beschränken sich die Entlehnungen meist auf technische Bereiche, wie Computer, Mouse, Download, downloaden… Immerhin haben wir ja noch deutsche Ensprechungen für einige dieser Wörter: Rechner, herunterladen…

Im Maltesischen gibt es solche Entsprechungen nicht, und so werden die englischen Termini wild entlehnt und eingebaut. Probleme entstehen dann bei der Schreibung, wenn zwei Sprachsysteme aufeinanderprallen:

Nehmen wir das englische Wort air-conditioner („Klimaanlage“). Es gibt kein maltesisches Wort dafür, also hat man die Wahl es entweder als air-conditioner zu schreiben — oder (wenn man von der phonologischen Schreibung ausgehen will) als erkondixiner. Will man sagen „die Klimaanlage“, tritt die maltesische Definitmarkierung hinzu: l-erkondixiner. Diese Schreibung ist weniger inhomogen als l-air-conditioner.

Deutlicher wird der Kontrast beim Wort chairman („Vorsitzender“), auch geschrieben als ċermen. Will ich schreiben „der Vorsitzende“, schreibe ich entweder iċ-ċermen oder iċ-chairman. Das Definitpräfix iċ- entsteht durch Assimilierung (also Angleichung) des l- an den Anfangskonsonanten des Nomens, der als [tʃ] ausgesprochen wird. Die Schreibung iċ-ċermen ist weniger „schräg“ als iċ-chairman.

Und die Nomen sind noch das kleinere Problem! Es werden ja auch Verben entlehnt. Tauchen, engl. „to dive“ wird zu niddajvja („ich tauche“), tiddajvja („du tauchst“), jiddajvjaw („sie tauchen“) usw. Für „sie tauchen“ jiddivejaw zu schreiben wäre eine Zumutung für den Leser, da die Inhomogenität den Lesefluß zu sehr stört. Und da die Lehnwörter im Maltesischen sowieso auch mehr maltesisch als englisch klingen (das „th“ wird praktisch immer zu „t“), macht es ja auch nichts, sie wie maltesische Wörter zu behandeln.

Zwischen den Vorträgen wird heftig diskutiert; im Publikum sitzen nicht nur Fachleute, sondern auch die interessierte Öffentlichkeit. Und die sind natürlich schockiert, wenn sie statt „full-time“, „mobile“ und „e-mail“ „fultajm“, „mowbajl“ und „imejl“ lesen. Bei fast jeder vierten Powerpoint-Folie geht ein Raunen durch den Saal.

Immerhin — und das muß betont werden — besteht der Nationale Rat für die maltesische Sprache auch aus (deutsche Rechtschreibreformer aufgepaßt) Linguisten, die (deutsche Rechtschreibreformer aufgepaßt) wissen, wovon sie sprechen und (deutsche Rechtschreibreformer aufgepaßt) sich lange Gedanken über Strategien und Konsequenzen gemacht haben. Die Ergebnisse werden dann (deutsche Rechtschreibreformer aufgepaßt) in öffentlichen Veranstaltungen diskutiert und wenn nötig von (deutsche Rechtschreibreformer aufgepaßt) Fachleuten verteidigt.

Auf der Veranstaltung bin ich eher ein Exot, da ich kein Malteser bin. Schließlich findet sie koplett auf Maltesisch statt, was anfangs nicht gerade leicht ist. Ich komme streckenweise aber ganz gut mit. Wo mir etwas entgangen ist, erklärt mir Anna (Rays Frau) schnell, was gesagt wurde. Als nach der Veranstaltung wieder zuhause bin, raucht mir der Schädel. Aber anscheinend geht es nur so.

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