Mehr Geistes- und Sozialwissenschaftler in die Industrie!

Heute will ich mal etwas über Ignoranz bloggen. Das Thema treibt mich schon eine ganze Weile um, aber immer habe ich mich zusammengerissen und nicht laut hinaustrompetet, wie sehr sie mich krank macht, diese Ignoranz. Vor einer Woche bekam ich aber eine E-Mail, bei der mir endlich der Kragen platzte. Es war eine Massenmail des Präsidiums an alle Studierende mit der Einladung der XY Technologiegruppe „zu einem Besuch von TectoYou zur Hannover Messe“. Das über die Jahre immer offensivere Werben von Firmen in der Uni (vor allem in der Mensa, dabei will ich dort doch nur in Ruhe essen, verflixt!) hätte längst schon einen eigenen Blogeintrag verdient. Daß jetzt schon Spammails verschickt werden, ist — zugegeben — nur eine logische Fortsetzung. Und so hätte ich auch nur wortlos auf die „Löschtaste“ gedrückt, wäre ich nicht durch folgenden Absatz provoziert worden:

„Dieses Angebot richtet sich an alle Studentinnen und Studenten. Neben Naturwissenschaftlern, Informatikern und Wirtschaftswissenschaftlern sollten sich auch Geistes- und Sozialwissenschaftler angesprochen fühlen, da die Firma XY ausdrücklich Studierenden aller Fachrichtungen ermöglichen möchte, die Vielfalt der Beschäftigungsmöglichkeiten in der Industrie kennenzulernen.“

Diese kühne Behauptung wollte ich natürlich selbst nachprüfen und sah mich bei den Stellenangeboten der werbenden Firma XY um. Wie zu erwarten war, sah die Vielfalt der Beschäftigungsmöglichkeiten so aus:

  • Market Development Manager Osteuropa (m/w)
  • Produktentwickler (m/w) Produktplaner (m/w)
  • SAP Basisadministrator/in
  • SAP R/3-Anwendungsberater(in) FI/CO
  • Technischer Zeichner (m/w)
  • Vertriebsingenieur (m/w) Industrielle Netzwerke

Das ist ja schon einmal eine unglaublich große Vielfalt an Beschäftigungsmöglichkeiten, die sich mir als Geisteswissenschaftler da auftut. Ungefähr so groß wie die Vielfalt an „Superhits“ in den gängigen Radiostationen (20 gleich einfallslos klingende Songs, die den ganzen Tag hoch- und runtergedudelt werden).

Seien wir doch mal realistisch: Als Absolvent der Geisteswissenschaften kann ich genau diese geforderten Abschlüsse NICHT bieten:

  • Betriebswirtschaft
  • Elektrotechnik
  • Feinwerktechnik
  • Konstruktionstechnik
  • Maschinenbau
  • Produktentwicklung
  • Produktions- bzw. Fertigungstechnik
  • Wirtschaftingenieurwesen
  • Wirtschaftsinformatik
  • Wirtschaftswissenschaften

Und pars pro toto kann ich getrost davon ausgehen, daß es mit den Beschäftigungsmöglichkeiten für Geisteswissenschaftler in der Industrie generell so aussieht.

Was ist die Konsequenz daraus, wenn man mir trotzdem offensiv anträgt, mich doch in der Industrie umzusehen? Ist es bloß die normale, nicht böse gemeinte Ratlosigkeit, wie ich sie oft in der Frage „Und was wird man damit?“ höre, wenn ich mich als Sprachwissenschaftler oute? Oder ist es schon richtige Ignoranz nach dem Motto: „Uns doch egal, was du studiert hast! Du kriegst nur einen Job in der Industrie.“

Man mag mich paranoid nennen, aber mir kommt es so vor, als sei letzteres der Fall. Immerhin ist die Allgemeine Sprachwissenschaft zum Ende dieses Wintersemesters an der Uni Osnabrück eingestellt worden, bereits seit 2008 auch die Literaturwissenschaft. Da könnte man an dieser Stelle ein nettes Preisausschreiben veranstalten, wie sich der Fachbereich „Sprach- und Literaturwissenschaft“ künftig nennen sollte. Zugegeben, als Teildisziplinen leben sie zwar in den Fächern Romanistik, Germanistik und Anglistik fort. Aber eben nur als Teildisziplinen. Und sicher auch nur so lange, wie man Anglistik, Romanistik und Germanistik noch zur Lehrerausbildung braucht. Ohne den konkret (be-)greifbaren Beruf Lehrer würde auch diesen Fächern bald das Licht ausgeknippst.

Ich könnte sogar weiter gehen in meiner Paranoia und behaupten, daß die Industrie im großen Schulterschluß mit der Bildungspolitik die für sie geeigneten Studiengänge „bestellt“ und die als unbrauchbar beurteilten Studiengänge dementsprechend abbestellt.

„Es ist einfach nicht wahr, daß man als Geisteswissenschaftler nur Taxifahrer werden kann,“ sagte mir kürzlich jemand in einem Gespräch, das sich ums gleiche Thema drehte. „Doch!“ hätte ich mit Nachdruck antworten sollen. Stattdessen fiel mir die Kinnlade runter, denn dieser Satz geht am eigentlichen Problem vorbei. Ich will nämlich weder als Taxifahrer noch in der Industrie arbeiten. Wäre das mein Berufswunsch gewesen, dann hätte ich etwas anderes studiert als die geisteswissenschaftlichen Fächer Sprachwissenschaft und Anglistik. Ein Beruf wäre primär Forschung und Lehre an einer Universität und erst sekundär „woanders“. Mal ehrlich: Wer in der Industrie braucht schon z.B. sprachstrukturelle Analysen oder Literaturtechniken und all die anderen nicht direkt in bare Münze umsetzbaren Wissensbestände?

Eben! Aber an den richtigen Stellen hätte man Menschen mit dieser Art der (Aus-)Bildung gut brauchen können. Denn nur so hätten wir nie eine von Fachunkundigen verzapfte Rechtschreibreform gehabt. Dann hätte vielleicht die Amalienbibliothek nicht gebrannt, weil kostenaufwendige Brandschutzmaßnahmen früher genehmigt worden wären. Und Köln hätte womöglich noch sein Stadtarchiv, weil die Risikogutachten bei den richtigen Menschen an den richtigen Stellen nicht auf taube Ohren gestoßen wären.

Aber wahrscheinlich sehe ich das zu eng.