Deppen Leer Zeichen und dysfunktionale groß Schreibung

Liebes Tagebuch Blog,

es wird einmal wieder Zeit, daß ich mich über die zunehmend verkorksten Wortschreibungen im öffenlichen Raum aufrege.

Mit meiner Handykamera habe ich in den letzten Monaten wieder einige Beispiele eingefangen, die eigentlich jedem alphabetisierten Muttersprachler des Deutschen kalte Schauer über den Rücken laufen lassen sollten:

Dauer Tief PreiseEigentlich ein Dauerbrenner. Oder wie dieser Schreiber/ diese Schreiberin wohl geschrieben hätte: Dauer Brenner. Wir schreiben jeden Teilausdruck getrennt, den wir im Wörterbuch auch einzeln finden können. Und es ist völlig egal, daß wir eine Konstruktion der Form Exklusives zu X vor uns haben. Dabei ist doch X= ein syntaktisches Wort. Daher: Exklusives zu Dauertiefpreisen (oder in der vorliegenden Schreibweise mit Großbuchstaben: EXKLUSIVES ZU DAUERTIEFPREISEN). Wer’s nicht glaubt, kann ja gerne einmal versuchen, die scheinbar drei Wörter zu ergänzen. Dauer als Nomen mit einem Adjektiv (z.B. toll), niedrig als Adjektiv mit einem Adverb (z.B. sehr), Preisen als Nomen mit einem Adjektiv (z.B. groß). Dann bekommen wir: *Exklusives zu toller Dauer sehr niedrig großen Preisen. Etwas schräg, nicht wahr? Um es kurz zu machen: Dauerniedrigpreise ist ein Kompositum aus (Dauer+(Niedrig+Preise)). Die Klammerung zeigt übrigens an, daß dieses Nomen durch zwei Kompositionsschritte zusammengesetzt wurde. Syntaktische Regeln können nur noch auf das Kopfnomen zugreifen (Preise), und ein Adjektiv, das dieses „Wortungetüm“ modifiziert, hat die gleiche Kasusendung wie das Kopfnomen, also z.B. zu tollen Dauerniedrigpreisen.

Matrazen BeratungAuf zum nächsten, ähnlichen Fall: Auch hier sind wieder alle Teilausdrücke lustig getrennt geschrieben worden. Diese Woche gibt es also Matratzen Beratung. Aber auch hier handelt es sich um ein Kompositum: Matratzenberatung. So, wie es auf dem Schild geschrieben steht, könnte der verwirrte Passant höchstens annehmen, er bekäme im Geschäft diese Woche Matratzen und Beratung, aber eben keine Matratzenberatung. Und würde daher unter Umständen dort nicht einkaufen, obwohl es dort Matrazenberatung gibt. Aber das Schild sagt es ihm nicht. Und dann würde der Laden irgendwann zumachen müssen, weil die Kunden ausbleiben. Hofft jedenfalls der jähzornige Orthographieforscher.

Aber es geht auch schlimmer. Auf dem Schild der Bahnhofsgarage Osnabrück kann man folgendes lesen:

Bahnhofs Garage

Bahnhofs Garage. Dabei ist doch das s im Kompositum ein so gutes Indiz dafür, daß Bahnhofsgarage ein Kompositum ist! Und eben nicht die Garage eines Typen namens Bahnhof. Und die Konstruktion ist eben keine nach dem Muster Waltrauds Imbiß oder Müllers Büro.

Reduziert

Ein weiteres deprimierendes Werbeschild in der Fußgängerzone, dieses Mal mit einer eigenwilligen Großschreibung, lachte mich unweit der Matratzenberatung an. Ein Schild, das den vorbeischlendernden Passanten eigentlich nur mitteilen wollte, daß ein Geschäft seine Waren reduziert habe. Wir haben Reduziert. Was um alles in der Welt bringt jemanden dazu, reduziert groß zu schreiben? Ist es ein Nomen in einer erweiterbaren Nominalgruppe? Nein! Ich schnappe mir zum Testen das arme Wort reduziert und behandele es als Nomen. Sagen wir mal: als ein maskulines Nomen. Was passiert? Sehet her: *Wir haben einen Reduziert. (wobei einen hier der unbestimmte Artikel sein soll und kein Objektpronomen wie in Wir haben einen gesehen.) Weiterer Ausbau der Nominalgruppe mit einem Adjektiv macht es nicht besser: *Wir haben einen großen Reduziert. Also: kein Nomen, sondern ein Partizip II. Bitte klein schreiben: Wir haben reduziert.

Und ich habe fertig. Aber wahrscheinlich sehe ich das zu eng.

3 Gedanken zu „Deppen Leer Zeichen und dysfunktionale groß Schreibung

  1. Möglicherweise ist das letzte Werbeschild mit Word geschrieben worden. Word möchte doch immer so gerne neue Zeilen mit Großbuchstaben beginnen…

  2. Moin Jan,

    ganz so eng sehe ich das in der Tat nicht. Das sind schließlich alles Werbeschilder. Um ins Auge zu springen, darf ein Wort nur eine gewisse Länge haben. In Deinem ersten Beispiel liest ein Passant im Vorbeigehen die Wörter „Exklusiv“, „Dauer“, „Niedrig“ und „Preis“. Nun geht im Unterwußtsein die Assoziationskette los: „Hier gibt’s super Sachen, die nicht jeder hat, und zwar dauernd. Und immer zu niedrigen Preisen. Wenn ich hier jetzt nicht reingehe, bin ich echt bescheuert!“
    In der Werbung geht es ganz bestimmt nicht um Grammatik, sondern beliebige Sprachelemente werden so eingesetzt, daß sie beim Leser ganz bestimmte Assoziationsketten auslösen. Schlagwörter werden fokussiert, z.B. durch Großschreibung. Satzzeichen läßt man weg, da sie Fließtext assoziieren. Aber in der hektischen Konsumwelt hat keiner Zeit für sowas. Der Kunde soll auch gar nicht innehalten und womöglich anfangen nachzudenken! Dann könnte er ja dem anfänglichen Impuls, diesen Laden zu betreten, widerstehen.
    Werbung = Manipulation, und das in jeder Hinsicht.

    Übrigens, eine schöne Seite! Ich schau’mich gleich noch ein bißchen weiter um.
    Und danke nochmal für Deine Hilfe mit den Blogs!

    Grüße
    Kerstin

    1. Hm… Aber gerade in der Werbung sollte doch klare Grammatik vorhanden sein, damit die Kunden, die ich anlocken will, die Botschaft ordentlich dekodieren können und nicht wild herumassoziieren müssen!
      Aber vielleicht ist das ja mein Denkfehler: Vielleicht soll die gezielte Verwirrung für Neugier sorgen.
      Aber auch die Werbung mit ihrem Outlawstatus entschuldigt nicht Fälle wie „Bahnhofs Garage“! Und das ist mein Hauptproblem. „Schriftzeugnisse“ im öffentlichen Raum (und ich meine damit nicht nur Werbeschilder) sind größtenteils derart entgleist, daß ich mir ehrlich die Frage stelle, ob seit der verkorksten Rechtschreibreform schlagartig jede Fähigkeit zur Rechtschreibung verpufft ist, oder ob sich einfach kein Schwein mehr darum kümmert, irgendwo nochmal nachzuschlagen, bevor man was hinschreibt.
      Das ist für mich fast so, als hätte eine Verkehrsschilderreform mit so vielem Hin und Her folgendes Ergebnis: Beim Heranfahren an eine Kreuzung pfeifen alle auf die „Rechts-vor-Links“-Regel, und auf der Autobahn gibt es schlagartig 80% Geisterfahrer. Entweder weil sie es schlagartig nicht mehr besser wissen, oder weil sie nun erst recht auf alles pfeifen. Auch auf die Basisregeln, die nie umstritten waren.
      Nein, ich bin nicht der Herr Sick. Aber soviel Arbitrarität macht mir einfach schlechte Laune.

      Das Erfreuliche zum Schluß: Danke für die Blumen, und bitte, gern geschehen! 🙂

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